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Verhungern am vollen Tisch?

Verfasst am: 06.12.2009, 09:29
Mir ist vor einiger Zeit in einem Gartenforum folgender Satz eines Users aufgefallen:

Zitat:
...Wobei ich bei der Auswahl der Sträucher darauf geachtet habe, dass es zum größten Teil heimische Pflanzen sind, also Kolkwitzie, Deutzie, Weigelie, Flieder, Eibisch, Haselnuß


Leider ist von der ganzen Liste gerade mal die Haselnuss ein wirklich einheimisches Gewächs. Sogar der scheinbar typische Flieder ist nichts anderes als ein Importprodukt aus dem Mittelmeer - wenn es auch schon etwas länger her ist. Der Rest kommt durch die Bank aus Asien. Dabei möchte ich die Gehölzauswahl auf keinen Fall kritisieren! Aber ein bißchen genauer sollte man den Begriff "heimisch" schon nehmen.

Zuerst einmal: Was sind nicht-einheimische Pflanzen oder Neophyten überhaupt?
Als Neophyten werden alle Pflanzen bezeichnet, die nach 1492 - egal ob bewusst oder unbewusst - in Gebiete eingeführt/verschleppt wurden, in denen sie vorher nachweislich nicht vorgekommen sind.

Das Jahr wurde bewusst gewählt, weil die Entdeckung der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus sozusagen der Startschuss für einen weltweiten Pflanzentransport (anfangs vor allem in Richtung Europa) war.

Prof. Dr. Ingo Kowarik (Direktor des Instituts für Ökologie der TU Berlin) hat eine Chronologie der Einführung neophytischer Gehölze nach Mitteleuropa konstruiert.[/color]

Auszug aus dem Buch Die Ameise als Tramp: hat Folgendes geschrieben:
Seine Auswertung ergibt eine Folge von Einführungswellen, die mehr oder weniger streng nach geographischen Herkunftsgebieten geordnet ist.
Es begann mit den Arten aus den benachbarten Gebieten Europos, vor allem des Mittlmeerraumes (187 Arten). {(Anmerkung: Diese Arten werden häufig schon als heimisch bezeichnet, wie z.B. der Flieder)
Ihre Zahl stieg seit dem 16. Jahrhundert kontinuierlich an (Zentralasien: 304 Arten),
erreichte aber Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sättigung (Nordamerika: 857 Arten).
Die Zeit der Exoten war gekommen (Ostasien: 1.047 Arten).


Was man in diesem Zusammenhang berücksichtigen sollte:
Auszug aus dem Buch Die Ameise als Tramp: hat Folgendes geschrieben:
Hier wurde u.a. untersucht, wieviele Insektenarten von welchen Bäumen leben können. Sortiert wurde die Liste nach dem Zeitraum, in dem diese Gehölze in Großbritannien existieren:

Weide (Salix) 13.000 Jahre - 450 Insektenarten
Birke (Betula) 13.000 Jahre - 334 Insektenarten
Eiche (Quercus) 9.000 Jahre - 423
Weißdorn (Crataegus) 7.000 Jahre - 209
...
Walnuss (Juglans) 600 Jahre - 7 Insektenarten
Rosskastanie (Aesculus) 400 Jahre - 9 Insektenarten
Robinie (Robinia) 400 Jahre - 2 (!)

[color=olive]400 Jahre und erst eine Handvoll Insekten kann davon leben. Dabei wurde der Großteil der "Exoten" erst ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts (also gerade mal vor 150 Jahren) zu uns importiert!



Foto: Ein bereits gewohnter Anblick – aber auch der Schmetterlingsflieder (Buddleja) ist nur ein Import aus China. In der freien Natur bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts nachgewiesen, hat er sich entlang von Flüssen und Bahndämmen schon über fast ganz Europa ausgebreitet.

Auch wenn bei genauerer Betrachtung das Angebot in den Gärtnereien und Baumschulen stark zusammenschrumpft - vielleicht wäre es beim nächsten Einkauf für den Garten interessant, mal wieder was so "Exotisches" wie ein wirklich einheimisches Gewächs zu kaufen.

Tipp: Artnamen, wie x. europeus oder x. germanica lassen auf ein in Europa ursprünglich heimisches Gewächs schließen.

Im Internet zum Weiterlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Neophyt
(auch die weiterführenden Links am Ende der Seite beachten)

Autor: federmohn




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